1. Juni 2015

Nachgefragt! bei Tierarzt Dr. Schneichel: „Ich sehe mich als Gesundheitsberater der Betriebe.“

Wie sieht die Initiative Tierwohl eigentlich in der Praxis aus? Unsere Experteninterviews bieten Ihnen Einblicke aus erster Hand. Den Auftakt macht Herr Dr. Rainer Schneichel, Tierarzt aus Mayen in Rheinland-Pfalz. Er ist als Tierarzt täglich auf den tierhaltenden Höfen. Seit drei Wochen überprüft er für die Initiative zusätzlich das Stallklima und die Tränkewasserqualität der Betriebe, die teilnehmen wollen. Das ist Voraussetzung, um für die Auditierung der Initiative Tierwohl zugelassen zu werden. Im Interview erzählt er, warum er bei der Initiative als Stallklima-Checker, aber auch im Beraterausschuss der Initiative mitmacht und worauf er bei der Überprüfung achtet.

Hallo Herr Dr. Schneichel. Bitte erzählen Sie den Leserinnen und Lesern etwas über Ihre Person.
Ich bin seit 1986 praktischer Tierarzt in Mayen, Rheinland-Pfalz und leite eine eigene Tierklinik. Mein Studium der Veterinärmedizin habe ich in Gießen abgeschlossen, die Promotion in München. Tierarzt zu sein bedeutet mir sehr viel. Deshalb setze ich mich auch als Vizepräsident im Bundesverband praktizierender Tierärzte und der Tierärztekammer in Rheinland-Pfalz ein.

Was hat Sie persönlich dazu veranlasst, für die Initiative Tierwohl aktiv zu werden?
Ich war von Beginn an in die Diskussion über die Planung der Initiative informiert und involviert. Als Tierarzt möchte ich, dass es den Tieren gut geht. Und das können wir am besten erreichen, indem die Haltungsbedingungen für die Tiere verbessert werden. Wir arbeiten schon lange gemeinsam mit Tierhaltern an Maßnahmen dafür. Dass bei der Initiative Tierwohl aber nun alle Parteien an einem Strang ziehen, empfinde ich als sehr fortschrittlich. Auch die große Nachfrage der Landwirte zeigt, dass dies der richtige Weg ist.

Sie führen zertifizierte Klima- und Tränkewasser-Checks auf Höfen durch, die sich für die Initiative Tierwohl bewerben. Was ist das genau?
Die Checks werden einmal jährlich vorgenommen. Sie dienen vor allem dazu, das Klima und die Wasserqualität in den landwirtschaftlichen Betrieben zu überprüfen. Gutes Stallklima und hohe Wasserqualität sind wichtige Voraussetzungen, damit es den Tieren gut geht. Zu Beginn haben wir über die Parameter diskutiert, die dem Tierwohl förderlich sein könnten und daraus die Checkliste entwickelt. Anhand der Daten, die wir jetzt erheben, können wir lernen, was wir noch verbessern müssen, um das Wohl der Tiere weiter zu erhöhen.

Können Sie in einfachen Worten den üblichen Ablauf eines solchen Checks erklären?
Das Wasser überprüfen wir nach dem Standard, der auch für unser Trinkwasser nötig ist. Dafür werden unsere Proben aus den Ställen durch Fachlabors ausgewertet. Für den Stallklimacheck untersuchen wir alle Lüftungssysteme der Stallanlage. Sie können sich sicher vorstellen, dass das viel Zeit in Anspruch nehmen kann. Für ein optimales Stallklima untersuche ich die Betriebe auf Luftqualität, Schadgase und Lufttemperatur. Was optimal ist, hängt natürlich vom Alter ab. Ein Ferkel beispielsweise braucht höhere Temperaturen als ein älteres Schwein. Deshalb gibt es verschiedene Regler, die auch untersucht werden müssen, zum Beispiel Wärmelampen oder Ferkelnester. Eventuelle Schwachstellen werden anschließend gemeinsam mit dem Landwirt besprochen. Bis zur Auditierung müssen die Punkte beseitigt sein. Sollte es dann immer noch Schwachstellen geben, kann der Tierhalter erst an der Initiative teilnehmen, wenn alle Probleme behoben wurden.

Wie schätzen Sie den Zustand der Betriebe ein, die Sie bisher besucht haben?
Grundsätzlich kann ich sagen, dass die Zustände auf den Höfen gut sind. Schwachstellen sind oft Kleinigkeiten, die mit wenig Aufwand behoben werden können. Die Tierhalter, die an der Initiative Tierwohl teilnehmen wollen, arbeiten meist bereits auf einem sehr guten Niveau.

Inwieweit wird durch solche Checks das Wohl der Tiere verbessert?
Die Tiere werden noch intensiver beobachtet, als ohnehin schon. Probleme wie Krankheiten können früh erkannt und Vorbeugemaßnahmen schnell eingeleitet werden. Vor allem glaube ich aber, dass das Bewusstsein der Tierhalter für die Klimagestaltung und Wasserqualität weiter geschärft wird. Außerdem können sich im Gespräch zwischen den Landwirten und uns andere Themen rund um das Tierwohl ergeben. Tierhalter hinterfragen bestehende Maßnahmen und optimieren sie. Denn es liegt ja auch in ihrem Interesse die Haltungsbedingungen zu verbessern. Wenn die Tiere sich wohlfühlen, sind sie leistungsfähiger und vor allem länger gesund. Das verspricht also auch wirtschaftlichen Erfolg.

Wie schätzen Sie Ihre Rolle als Tierarzt beim Tierwohl ein?
Ich sehe mich als Gesundheitsberater der Betriebe. Vorbeugekonzepte, um Krankheiten zu verhindern und die Überprüfung der Haltungsbedingungen, stehen im Vordergrund. Natürlich behandeln wir auch akute Krankheitsfälle, das gehört zum Beruf eines Tierarztes.

Sie sind außerdem Mitglied des Beraterausschusses der Initiative Tierwohl. Wozu gibt es den Ausschuss und welche Aufgabe haben Sie dabei?
Der Beraterausschuss hat die Funktion, die Kriterien und Anforderungen für die Teilnahme regelmäßig zu überprüfen und an neue Entwicklungen anzupassen. Meine Aufgabe im Ausschuss orientiert sich ganz klar an meinem Beruf als Tierarzt. Ich nehme also vor allem an Diskussionen über die Kriterien teil, wenn es darum geht, alles rund um Gesundheit und Wohlbefinden der Tiere zu erörtern.

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