7. Dezember 2015

Interview mit Wissenschaftlerin Sabine Dippel über die Entwicklung eines Tierwohl-Kriteriums zum Ringelschwanz

Dr. Sabine Dippel ist Wissenschaftlerin am Institut für Tierschutz und Tierhaltung des Friedrich-Loeffler-Instituts und beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Schwanzbeißen unter Schweinen. Mit ihrem Fachwissen unterstützt sie zudem die Initiative Tierwohl in der Arbeitsgruppe Ringelschwanz. Diese Gruppe prüft derzeit, wie ein Tierwohl-Kriterium zum Nicht-Kupieren, also dem Nicht-Kürzen der Ringelschwänze bei Schweinen in den Kriterienkatalog der Initiative Tierwohl aufgenommen werden kann. In unserem Interview spricht sie darüber, warum es zum Schwanzbeißen unter den Tieren kommt und was bei der Entwicklung eines Kriteriums alles bedacht werden muss.

Wieso kommt es denn überhaupt zum Schwanzbeißen bei den Schweinen und warum ist das Kupieren der Ringelschwänze gängige Praxis?
Schwanzbeißen wird durch viele verschiedene Faktoren beeinflusst. In den meisten Fällen kommt es zum Schwanzbeißen, wenn die Tiere überfordert sind. Man kann es sich wie einen Eimer vorstellen, in den durch die Faktoren immer mehr Wasser fließt, bis er überläuft. Das Problem dabei ist, dass die Wirkung einzelner Faktoren sich von Betrieb zu Betrieb unterscheidet. Zum Beispiel ist eine bestimmte Temperatur für gesunde Tiere in Ordnung, aber für Tiere mit Verdauungsproblemen zu kalt. Deswegen gibt es keine Standardlösung gegen Schwanzbeißen, sondern jeder Tierhalter muss jeden Tag alle Bedingungen optimieren. Beschäftigung zum Beispiel ist wichtig, kann aber alleine Schwanzbeißen nicht verhindern. Das Kupieren der Schwänze kann Schwanzbeißen auch nicht ganz verhindern, senkt aber das Risiko eines Ausbruchs stark ab.

Aufgabe der Fachgruppe Ringelschwanz ist es, ein Tierwohl-Kriterium für Landwirte zu entwickeln, die sich gegen das Schwanz-Kupieren entscheiden. Wie funktioniert das und warum ist es so schwer?
Wenn man ein Kriterium festlegt, muss man mehrere Dinge bedenken – wie genau sieht die Maßnahme aus, die ein Landwirt umsetzen muss? An welchen Parametern wird die Einhaltung des Kriteriums festgemacht und wie läuft die Kontrolle ab bzw. wer führt sie durch? Außerdem muss die Höhe des Entgelts festgelegt werden, den ein Landwirt bei Einhaltung erhält. Bei der Festlegung des Kriteriums zum Schwanz-Kupieren steht die Initiative Tierwohl vor mehreren Herausforderungen: Es muss entschieden werden, ob das Kriterium an bestimmte Maßnahmen gekoppelt wird oder ob es dem Landwirt selbst überlassen bleibt, mit welchen individuellen Maßnahmen er das Schwanzbeißen bei nicht kupierten Tieren weitreichend eindämmt. Denn wie beschrieben, hat dieses Verhalten der Tiere die unterschiedlichsten Ursachen und es gibt nicht die eine Standardlösung. Die Initiative muss außerdem festlegen, wann das Kriterium erfüllt ist – ist ein Schwanz mit voller Länge aber mit Bissspuren noch in Ordnung? Auch muss man überlegen, ob alle oder nur der größte Teil aller Schweine eines Betriebes noch einen Ringelschwanz besitzen müssen, um das Kriterium zu erfüllen.

Die Festlegung der Kontrolle des Kriteriums ist nicht so einfach – was muss man beachten?
Dieses Kriterium kann wegen des hohen Aufwandes langfristig nicht wie andere vom Auditor auf dem Hof überprüft werden, höchstens die damit verbundenen Maßnahmen. Ob der Ringelschwanz noch ausreichend vorhanden ist, kann letztlich nur bei der Schlachtung kontrolliert werden. Dabei muss die Initiative Tierwohl überlegen, wer die Kontrollen durchführen kann – ein Tierarzt vielleicht oder ein Schlachthofmitarbeiter.

Mit wem erarbeiten Sie gemeinsam die Vorgaben?
Um für all die genannten Fragestellungen Lösungen zu finden, sind in der Fachgruppe neben mir als Wissenschaftlerin beispielsweise auch Vertreter von Schlachtunternehmen, aus der Landwirtschaft und vom Tierschutz unentgeltlich tätig. Der Bezug zur Praxis bei der Planung des weiteren Vorgehens ist unverzichtbar.

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