8. Oktober 2015

Nachgefragt! beim Vizepräsidenten des Zentralverbands der Geflügelwirtschaft: „Nutztierhaltung muss die Wertschätzung erfahren, die sie verdient“

Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) vertritt als Dachorganisation die Interessen der deutschen Geflügelwirtschaft auf Bundes Ebene gegenüber politischen Organisationen sowie der Öffentlichkeit. Außerdem ist er einer der sechs Gesellschaftler der Initiative Tierwohl. In unserem Experteninterview spricht Vizepräsident Rainer Wendt, selbst Besitzer eines Geflügelbetriebes, über die Bedeutung der Initiative Tierwohl für den ZDG und über seine eigenen Erfahrungen als Landwirt mit der Initiative.

Herr Wendt, Sie sind Vorsitzender des Bundesverbandes bäuerlicher Hänchenerzeuger (BVH). Außerdem sind Sie Vizepräsident des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft. Wie hängen diese Verbände zusammen und wofür setzen sie sich ein?
Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft ist die Dach- und Spitzenorganisation der deutschen Geflügelwirtschaft und vertritt als solche die Interessen der rund 8.000 Mitglieder auf Bundes- und EU-Ebene gegenüber Politik, Behörden und der Öffentlichkeit. Im ZDG ist die ganze große Familie der Geflügelwirtschaft organisiert – Legehennenhalter genauso wie Puten-, Hähnchen-, Enten- oder Gänsehalter, Brütereien, Geflügelschlachtereien, Vermarkter, etc. Im Bundesverband bäuerlicher Hähnchenerzeuger hingegen sind allein die deutschen Hähnchenhalter organisiert. Der BVH kümmert sich um die besonderen Themen der Hähnchenerzeugung und ist dabei zur besseren Wahrnehmung dieser Interessen selber Mitglied im ZDG.

Wie kann man sich einen „normalen“ Tag in Ihren Positionen vorstellen? Welche Aufgaben nehmen Sie wahr?
Auch wenn mir die Arbeit im Verbändeumfeld wirklich großen Spaß macht: An erster Stelle bin ich Landwirt, und das mit Herz und Leidenschaft. Für meine 135.000 Hähnchen stehe ich früh auf: Noch vor dem Frühstück drehe ich meine erste Runde durch den Stall, schaue nach dem Wohl meiner Tiere. Erst danach gibt’s für mich den ersten Kaffee. So beginnt eigentlich jeder Tag, wenn ich nicht gerade für die Branche unterwegs bin. Das ist aber immer häufiger der Fall, weil das öffentliche Interesse an der Nutztierhaltung wächst und auch die politisch-rechtlichen Anforderungen an unsere Arbeit nicht eben weniger werden. Der Schlüssel zum Erfolg liegt für mich im konstruktiven Dialog: Wenn die Menschen in Deutschland wirklich wissen, wie unsere Tiere gehalten werden, dann erfährt unsere Arbeit auch die nötige Akzeptanz. Deswegen sehe ich es als eine meiner zentralen Aufgaben in den Verbandstätigkeiten, im ständigen Austausch mit allen relevanten Gruppen zu stehen – Politik, Medien, Öffentlichkeit, etc. Mein Stall ist quasi immer offen, ich empfange so gut wie jede Woche Besucher.

Sie führen auch selbst einen Geflügelbetrieb, wie sind Sie zur Landwirtschaft gekommen und können Sie uns etwas zu Ihrem Betrieb erzählen?
Zur Landwirtschaft kam ich über meine Frau. Anders als ich, kommt sie von einem landwirtschaftlichen Betrieb, und als wir uns in jungen Jahren kennen und lieben lernten, hat sie mir klipp und klar gesagt: Wenn du mich heiraten willst, musst du Bauer werden. Das war für mich ein doppelter Glücksfall – denn Landwirt zu sein und mit Tieren zu arbeiten, das konnte ich mir schon immer gut vorstellen. Ich habe dann die für damalige Zeiten ganz klassische Ausbildung durchlaufen, eine Lehre zum staatlich geprüften Landwirt gemacht und mich dann zum Landwirtschaftsmeister fortgebildet. Gemeinsam haben meine Frau und ich den eher kleinteilig strukturierten Betrieb meiner Schwiegereltern übernommen und modernisiert. Heute haben wir eine spezialisierte Ferkelaufzucht mit 1.500 Aufzuchtplätzen, eine Biogasanlage mit 650 Kilowatt, Ackerbau mit Energiepflanzen und Roggenvermehrung – und natürlich die Hähnchenställe mit insgesamt 135.000 Plätzen. Grob sieht unsere Aufgabenverteilung so aus: Meine Frau kümmert sich um die Schweine, mein Sohn um den Ackerbau und die Biogasanlage sowie die Hähnchen sind meine Aufgabe.

Allein die Landwirtschaft ist, wie von Ihnen beschrieben, schon sehr zeitaufwendig. Warum engagieren Sie sich trotzdem noch so stark auf Verbandsebene?
Wenn man sich nicht selber engagiert, wenn man nicht selber mal den Mund aufmacht, dann werden nur die Stimmen derer gehört, die uns und unserer Branche nicht unbedingt wohlgesonnen sind. Die schreien nämlich manchmal ganz schön laut. Ich finde aber, wir Landwirte dürfen und müssen auch selber die Stimme erheben: Wir haben allen Grund, als Ernährer der Bevölkerung stolz und selbstbewusst zu sein. Dass unser Berufsstand in der Öffentlichkeit mehr geschätzt und geachtet wird, dazu möchte ich persönlich durch mein Engagement auf Verbandsebene beitragen. Mich dabei immer wieder auch gegen Widerstände zu behaupten und nicht klein beizugeben, das habe ich in den 90er Jahren als angehender Hähnchenbauer in einer Region gelernt, in der es bis dahin überhaupt keine Hähnchenhaltung gab.

Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft ist, wie z.B. auch der Deutsche Bauernverband, eines der Gründungsmitglieder der Intiative Tierwohl. Warum ist Ihnen Tierwohl so wichtig und was sind die Aufgaben des ZDG in der Initiative?
Tierwohl ist mir eine Herzensangelegenheit. Wenn es meinen Tieren im Stall gut geht, dann geht es auch mir gut. Und ich weiß aus zahlreichen Gesprächen mit Hähnchenbauern, dass es meinen Berufskollegen da genauso geht wie mir. Tierwohl ist aber nicht nur Antrieb unserer täglichen Arbeit, sondern auch ein relevanter wirtschaftlicher Faktor: Nur ein gesundes Tier bringt eine entsprechende Leistung. Wir nehmen auch den gesellschaftlichen Wunsch nach einem Mehr an Tierwohl wahr und sind gerne bereit, hier neue Wege zu gehen. Wichtig ist uns aber: Die konventionelle Hähnchen- und Putenhaltung darf dabei nicht in Frage gestellt werden, wir haben in Deutschland schon heute sehr hohe Standards, auch und gerade in puncto Tierwohl! Als Gründungsmitglied und Gesellschafter der Trägergesellschaft hat der ZDG das Entstehen der Initiative Tierwohl von Beginn an mitbegleitet. Unsere Aufgabe sehen wir darin, auch die weitere Entwicklung der Initiative Tierwohl konstruktiv und engagiert mitzubegleiten.

Waren Sie überrascht von dem großen Interesse das Geflügelhalter an der Intiative Tierwohl? Immerhin haben sich im Juli über 1.400 Betriebe registriert, rund 900 Betriebe wurden zur Auditierung zugelassen. Damit können 255 Mio. Hänchen und Puten von den Tierwohlmaßnahmen profitieren.
Wir freuen uns aufrichtig, dass so viele Hähnchen- und Putenhalter bereit sind, ihren Tieren noch mehr Tierwohl zu bieten, als ohnehin schon Standard in den deutschen Geflügelställen ist. Überrascht hat mich dieses große Interesse nicht, genau damit habe ich gerechnet – ich kenne meine Branche ja ganz gut und weiß, wie wichtig den Hähnchen- und Putenhaltern das Tierwohl ist. Ein Wermutstropfen, das mag ich nicht verschweigen, ist für uns Landwirte allerdings, dass wir wegen des großen Interesses und der vielen Teilnehmer nur einen reduzierten Tierwohlzuschuss bekommen, der als Ausgleich für unseren zusätzlichen Aufwand kaum ausreicht. Wir leisten also auch wirtschaftlich unseren Beitrag für mehr Tierwohl.

Welche Maßnahmen werden jetzt von den teilnehmenden Betrieben umgesetzt? Sind Sie selbst mit Ihrem Betrieb bei der ITW registriert/zugelassen?
Die an der Initiative Tierwohl teilnehmenden Hähnchen- und Putenhalter bieten ihren Tieren ein höheres Platzangebot und zusätzliches Beschäftigungsmaterial an. Außerdem verpflichten sie sich unter anderem zu jährlichen Fortbildungen, zur Verbesserung der Fußballengesundheit durch eine dauerhaft lockere, trockene und weiche Einstreu sowie zur Teilnahme an einem Qualitätssicherungsprogramm und einem Tierwohlkontrollplan. Ich selber habe mich natürlich auch für die Teilnahme an der Initiative Tierwohl angemeldet, hatte aber kein Glück: Ich bin ganz weit hinten auf der Warteliste gelandet.

Wo sehen Sie die Rolle des ZDG, um den Erfolg der Intiative Tierwohl noch weiter auszubauen?
Ich sehe unsere Aufgabe – und die gemeinsame Aufgabe aller Partner – insbesondere darin, in Politik und Öffentlichkeit für die Initiative Tierwohl zu werben. Mit der Initiative Tierwohl haben wir ohne politischen Druck eine richtig gute Sache ins Leben gerufen, das muss noch stärker wahrgenommen werden. Daher sehe ich unsere Rolle als ZDG und auch meine Rolle persönlich darin, in Gesprächen mit Verbrauchern und bei Veranstaltungen mit der Politik über die Initiative Tierwohl zu informieren.

Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft der Nutztierhaltung?
Ich wünsche mir, dass die Nutztierhaltung in Deutschland künftig die Akzeptanz und Wertschätzung erfährt, die sie verdient. Ich wünsche mir, dass alle Menschen in Deutschland – Politiker, Journalisten und die ganz normalen Verbraucher – ein aufrichtiges Interesse an der Nutztierhaltung zeigen. Ich wünsche mir, dass sie zu uns kommen und sagen: „Zeig mir deine Ställe, zeig mir, wie du arbeitest!“ Meine Berufskollegen und ich sind gerne dazu bereit, unsere Ställe zu öffnen und mit den Menschen zu sprechen. Denn: Wir sind wesentlich besser als unser Ruf.

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