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22. Juni 2015

Nachgefragt! bei Landwirt Christian Kussel: „Jedem Landwirt liegt das Wohl seiner Tiere am Herzen.“

Landwirt Kussel Initiative Tierwohl

Bei Christian Kussel, Landwirt aus Wörrstadt in Rheinland-Pfalz, sind die unabhängigen Kontrollen erfolgreich abgeschlossen und er ist nun für die Initiative Tierwohl zertifiziert. Im Interview erzählt der Landwirt, warum er an der Initiative Tierwohl teilnimmt und warum eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Nutztierhaltung in Deutschland wichtig ist.


Herr Kussel, wie sind Sie zur Landwirtschaft gekommen und wie kann man sich Ihren Hof vorstellen?
Ich bin auf dem Betrieb meiner Eltern groß geworden und habe vor sechs Jahren mein Diplom als Agraringenieur an der FH Bingen gemacht. Ich kümmere mich in erster Linie um den landwirtschaftlichen Teil unseres Betriebes und arbeite dabei mit zwei Auszubildenden zusammen. Mein Vater ist für unsere Direktvermarktung und die Buchführung zuständig. Wir haben hier ca. 460 Plätze für Mastschweine, womit wir ein relativ kleiner Betrieb sind. Neben der Mastschweinehaltung bestellen wir rund 150 Hektar Ackerfläche und bauen Getreide, Zuckerrüben, Sonnenblumen und Erbsen an. Als drittes Standbein betreibt meine Familie eine Metzgerei auf dem Hof.

Was genau passiert in einem Mastschweinebetrieb?
Wir erhalten Ferkel mit einem Anfangsgewicht von rund 30 Kg von einem Landwirt aus der Nähe. Bei uns werden die Tiere dann auf ein Gewicht von bis zu 120-130 Kg gemästet und bleiben dafür knapp vier Monate bei uns. Gefüttert werden die Tiere mit einer Mischung aus Erbsen, Gerste und Sojaschrot, den größten Teil davon bauen wir auf eigenen Flächen an. Nach den vier Monaten werden die Tiere auf in einem etwa zehn Kilometer entfernten Schlachthof geschlachtet.

Wie haben Sie von der Initiative Tierwohl erfahren?
Wir haben zum ersten Mal in der Fachpresse von der Initiative gehört und dann aufmerksam die Entwicklung verfolgt. Ich fand es gut, dass die Initiative sich für bessere
Haltungsbedingungen für Nutztiere einsetzt und dafür erstmalig alle Beteiligten gemeinsam Verantwortung übernehmen. Nach meinem Entschluss mitzumachen, wandte ich mich für weitere Informationen an den für uns zuständigen Ansprechpartner, die Schweinevermarktungsgesellschaft in Idenheim. Auch mit meinem Schlachthof habe ich gesprochen – der muss auch an der Initiative teilnehmen, damit ich meine Tiere dort weiterhin abgeben kann.

Und wie ging es dann weiter?
Zuerst haben wir uns für das QS-System angemeldet, denn die Teilnahme an einem
Qualitätssicherungssystems ist eine Pflichtvoraussetzung für die Initiative Tierwohl. Dafür
mussten wir einen bestimmten Anforderungskatalog erfüllen, bspw. dass wir den Antibiotikaeinsatz dokumentieren oder Hygienevorschriften einhalten. Zur Kontrolle schauten sich die Prüfer den Stall, meine Unterlagen und Dokumentationen an. Dann standen der Tränkewasser- und Stallklimacheck und das Erstaudit der Initiative Tierwohl an. Der Auditor überprüfte, ob ich alle Kriterien korrekt umgesetzt habe, die ich bei der Registrierung angegeben hatte.

Welche Kriterien haben Sie umgesetzt?
Wir haben vor einiger Zeit einen neuen Außenklimastall bauen lassen. Unsere Tiere haben dadurch deutlich mehr Platz als zuvor und Zugang zu einem Auslauf. In jeder Gruppen-Bucht befinden sich kleine Türen, ähnlich einer Katzenklappe, die in den Auslauf führt. Es ist spannend zu beobachten, wenn die neuen Ferkel „in die Schule gehen“ und lernen, wie sie die Türchen mit ihren Rüsseln öffnen können. Unser Stall hat eine sehr große Fensterfront auf der Vorder- und Rückseite, die bei heißem Wetter geöffnet werden können. Zusätzlich steht den Tieren eine Dusche zur Verfügung. Wir erfüllen mit diesem Stall also gleich mehrere Kriterien der Initiative Tierwohl, z.B. mehr Platz und Tageslicht sowie Außenklimareize und den Zugang zu einem Auslauf.

Wie wird die Nutztierhaltung in Deutschland Ihrer Meinung nach gesehen und welche Rolle spielt die Initiative Tierwohl?
Eine schwierige Frage. Ich glaube, es gibt in der Öffentlichkeit zwei Blickwinkel auf die
Nutztierhaltung. Auf der einen Seite sind die romantisierenden Darstellungen aus der Werbung vom Schwein auf der grünen Wiese. Auf der anderen Seite lösen die in Skandalmanier aufgedeckten prekären Umstände auf einigen Höfen Skepsis und Unbehagen gegenüber der Nutztierhaltung aus. Die Realität liegt irgendwo in der Mitte – nur ist es schwierig, dies dem Verbraucher zu vermitteln. Jedem Landwirt liegt das Wohl seiner Tiere am Herzen, er möchte, dass es ihnen möglichst gut geht. Die Initiative Tierwohl bietet die Möglichkeit, zusätzliche Investitionen in eine artgerechte Haltung zu tätigen und diesen Aufwand auch entlohnt zu bekommen. Die große Nachfrage an der Initiative Tierwohl zeigt den Einsatz unserer Branche.

Die Initiative Tierwohl ist auf jeden Fall auch ein Schritt in die richtige Richtung, um
Verbrauchern diese Realität in den Ställen bewusst zu machen. Ich finde es gut, dass auch der Lebensmitteleinzelhandel Verantwortung übernimmt und die Initiative finanziert. Natürlich muss ebenso der Verbraucher seinen Beitrag für mehr Tierwohl leisten, indem er Qualität honoriert. Die Initiative ermöglicht dies.

Wie sollte sich die Initiative Tierwohl Ihrer Meinung nach weiterentwickeln?
Es müssen auf jeden Fall mehr Gelder aufgetrieben werden, um auch die Einsatzbereitschaft derjenigen Landwirte zu honorieren, die bisher nicht zur Auditierung zugelassen werden konnten.
Alles andere wäre ein negatives Signal. Landwirte verdienen ihren Lebensunterhalt mit der Nutztierhaltung und die Wirtschaftlichkeit unserer Höfe muss gewährleistet bleiben. Es bringt leider nichts, einen Stall zu bauen, in dem die Tiere sich wohlfühlen, wenn man ihn nicht bezahlen kann. Viele Betriebe können sich die Umbaumaßnahmen ohne finanzielle Unterstützung schlichtweg einfach nicht leisten.

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